Wenn Wahrnehmung Arbeit ist. Autismus besser verstehen
Wie entsteht Bedeutung?
Was für viele Menschen ein vertrautes, sofort einzuordnendes Geräusch ist, kann für autistische Menschen zunächst ein intensives, fragmentiertes Sinneserlebnis sein.
Naoki Higashida beschreibt in seinem Buch „Siebenmal hinfallen, achtmal aufstehen“ eindrücklich, dass Wahrnehmung für ihn nicht automatisch funktioniert. Am Beispiel des Regens wird deutlich: Zuerst sind da viele einzelne Geräusche – laut, unübersichtlich, ohne klare Bedeutung. Erst durch bewusstes Denken, Beobachten und Erinnern entsteht allmählich ein Zusammenhang.
„Ich höre ein Geräusch, aber ich weiß nicht sofort, was es ist.“
(Naoki Higashida)
Für viele autistische Menschen werden Sinneseindrücke nicht automatisch gefiltert oder geordnet. Geräusche, Bilder oder Bewegungen kommen oft gleichzeitig und gleich stark an. Das Gehirn muss aktiv leisten, was andere Menschen unbewusst erledigen: sortieren, vergleichen, Bedeutung herstellen.
Das erklärt, warum Kinder im Autismus-Spektrum:
- verzögert reagieren
- still werden oder sich zurückziehen
- nicht sofort antworten
- scheinbar „nicht zuhören“
👉 Dieses Verhalten ist meist innere Verarbeitung, kein Trotz und kein Desinteresse.
Ein Beispiel aus dem Alltag
Während andere Kinder sofort erkennen: „Es regnet“, hört ein autistisches Kind zunächst nur viele einzelne Geräusche. Erst wenn es aus dem Fenster schaut und das Gehörte mit früheren Erfahrungen verknüpft, wird das Geräusch verständlich.
„Ich muss in meinem Gedächtnis nach ähnlichen Erfahrungen suchen.“
(Naoki Higashida)
Dieser Prozess braucht Zeit, Ruhe und Konzentration.
Warum Bekanntes trotzdem anstrengend bleibt
Higashida beschreibt, dass selbst vertraute Dinge – wie Regen – jedes Mal neu verarbeitet werden müssen. Kein Regen klingt gleich, keine Situation ist identisch.
„Kein Regen klingt genau wie ein anderer.“
(Naoki Higashida)
- „Das kennt er doch schon“ ist oft kein verlässlicher Maßstab.
- Sicherheit entsteht weniger durch Inhalte, sondern durch klare Strukturen, Vorhersehbarkeit und Hilfestellungen (Sicherheit, verbale Hilfestellung, eine Erklärung oder ähnliches)
Was hilft im Alltag?
- Zeit geben: Antworten und Reaktionen dürfen verzögert sein. à
Das bedeutet, dem Kind bewusst Zeit zu lassen und sich selbst zurückzunehmen. Keine zusätzlichen Fragen stellen, nicht drängen, nicht auf bereits vergangene Ereignisse beharren und keinen Zeitdruck erzeugen. Jede Form von Nachhaken oder Beschleunigen kann Stress auslösen und den inneren Verarbeitungsprozess unterbrechen. Unterstützung heißt hier: präsent bleiben, ruhig abwarten und dem Kind den Raum geben, den es für seine innere Ordnung benötigt. - Reize reduzieren: Weniger gleichzeitige Sprache, Geräusche und Anforderungen.
- Struktur bieten: Rituale, klare Abläufe und Ankündigungen entlasten.
- Verhalten übersetzen:
Nicht fragen: „Warum macht das Kind das?“
Sondern: „Was könnte es gerade wahrnehmen?“ à Verhalten ist bei autistischen Kindern häufig eine direkte Reaktion auf ihre Wahrnehmung. Rückzug, Unruhe, Wegdrehen, scheinbares Nicht-Zuhören oder starke emotionale Reaktionen sind oft Ausdruck von Überforderung durch Geräusche, visuelle Reize, innere Anspannung oder zu viele gleichzeitige Anforderungen. Statt das Verhalten zu bewerten oder zu korrigieren, hilft es, die Situation aus der Wahrnehmungsperspektive des Kindes zu betrachten. Pädagogische Unterstützung bedeutet hier, Signale zu lesen, Reize zu erkennen und gegebenenfalls zu reduzieren – nicht, das Verhalten zu sanktionieren oder zu „erklären“.
Zentrale Botschaft
Autistische Wahrnehmung ist nicht defizitär, sondern anders organisiert.
Naoki Higashidas Texte helfen uns, diese Perspektive ernst zu nehmen und unseren eigenen Wahrnehmungsmaßstab zu hinterfragen.
Mehr Verständnis entsteht dort, wo wir langsamer werden, genauer hinsehen und Kindern die Zeit geben, die sie für ihre innere Ordnung brauchen.
Buchempfehlung:
Naoki Higashida – Siebenmal hinfallen, achtmal aufstehen

