Exekutive Funktionen

Exekutive Funktionen

Liebe/r InteressentIn,

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum alltägliche Aufgaben – wie das Anziehen, der Wechsel vom Spiel zum Essen oder das Zimmeraufräumen – für manche Kinder eine so riesige Hürde darstellen? Die Antwort liegt oft bei den exekutiven Funktionen, die auch als „Schaltzentrale“ unseres Gehirns gesehen werden.

Exekutive Funktionen gehören zu den neuropsychologischen Erklärungsansätzen und sind kognitive Prozesse, die unser Handeln steuern. Durch sie können wir unser Verhalten, Denken, unsere Emotionen und unsere Aufmerksamkeit zielorientiert und situationsangepasst steuern sowie flexibel auf Veränderungen reagieren. Sie sitzen im präfrontalen Kortex, direkt hinter unserer Stirn. Man kann sie sich wie einen Fluglotsen vorstellen, der entscheidet, welcher Gedanke landen darf und welche Handlung Vorrang hat.

Bei neurodiversen Menschen, vor allem im Bereich des Autismus-Spektrums sowie bei ADHS und ADS, arbeitet dieser „Fluglotse“ oft nach eigenen Regeln. Das hat nichts mit mangelndem Willen zu tun, sondern mit einer anderen neurologischen Vernetzung, die den Alltag zu einer Herausforderung machen kann.

Arbeitsgedächtnis
Arbeitsgedächtnis
  • Das Kind hat Schwierigkeiten, sich mehrstufige Anweisungen zu merken: Sie sagen: „Zieh deine Schuhe aus und bring dein Kuscheltier ins Zimmer.“ Das Kind zieht die Schuhe aus, vergisst aber den zweiten Teil und bleibt im Flur stehen.
  • Zimmeraufräumen: Sie sagen: „Räum dein Zimmer auf.“ Das Kind geht in sein Zimmer, ist aber von den vielen Spielsachen so überfordert, dass es nicht weiß, wo es anfangen soll. Es bleibt bei dem Teddybären hängen, der gleich bei der Tür liegt, spielt damit und räumt nicht auf.
Impulskontrolle
Impulskontrolle
  • Reaktionen folgen unmittelbar und ohne Filter: Das Kind sieht bei einem anderen Kind ein interessantes Spielzeug und nimmt es ihm sofort weg, ohne abzuwarten oder zu fragen, da der erste Impuls nicht unterdrückt werden kann.
  • Stellen Sie sich vor, ein Kind spielt ein Brettspiel und wird kurz vor dem Ziel überholt. Die Impulskontrolle sorgt hier dafür, dass das Kind nicht sofort in Tränen ausbricht, schreit oder die Figuren vom Tisch fegt, sondern trotz der Enttäuschung innehält und weiterspielt.
Mentale Flexibilität
Mentale Flexibilität
  • Schwierigkeiten beim Übergang von einer Aktivität in die nächste: Das Spiel muss abrupt beendet werden, weil es Zeit zum Essen ist. Das Kind bekommt einen Meltdown, weil es den gedanklichen Wechsel vom „Spielen“ zum „Essen“ nicht schnell genug vollziehen kann.
  • Planänderung: Es regnet draußen und wir gehen nicht auf den Spielplatz. Kognitive Flexibilität hilft dem Kind, sich schnell auf eine Alternative einzulassen, ohne einen Zusammenbruch zu erleiden.

Training der exekutiven Funktionen

Das Gute ist, dass exekutive Funktionen trainiert werden können. Sie liegen im Gehirn, und das Gehirn ist formbar und trainierbar wie ein Muskel. Durch Erfahrungen mit der Umwelt verändert es sich und passt sich an die Umgebung an. Das ist „Lernen“. Im Gehirn gehen Nervenzellen Verbindungen miteinander ein und kommunizieren. Je besser sie vernetzt sind, desto besser können Informationen verarbeitet werden. Natürlich muss man hier realistisch bleiben: Das Gehirn komplett umzuprogrammieren wird nicht funktionieren, jedoch können Verbesserungen und mehr Toleranz geschaffen werden.

Um die „Muskeln“ zu trainieren, können gezielte Übungen und Spiele mit der betroffenen Person erarbeitet werden. Dabei handelt es sich um normale Spiele, die vielleicht viele auch schon daheim, im Kindergarten oder in der Schule haben. Manchmal müssen die Spiele etwas verändert oder vereinfacht werden, siehe Stopptanz. Aber sie helfen auf spielerische Weise, die exekutiven Funktionen zu trainieren. Bei diesen Spielen werden meist alle drei Kernbereiche trainiert. Wir haben in der Liste das Spiel trotzdem jener Kategorie zugeordnet, die unserer Meinung nach am stärksten gefördert wird.

Beispiel – der Stopptanz

Es wirkt wie ein ganz einfaches Spiel, jedoch gibt es Regeln, an die man sich halten muss: Bei Musik wird getanzt, und sobald sie aufhört, muss man stehen bleiben beziehungsweise „einfrieren“. Dabei spielen die exekutiven Funktionen folgende Rolle:

  • Arbeitsgedächtnis: Das Kind muss sich an die Regel „Musik an – bewegen, Musik aus – einfrieren“ halten und diese ständig präsent haben, auch wenn es viele andere Reize wie Musik und andere Kinder gibt.
  • Impulskontrolle: Wenn die Musik stoppt, muss der Bewegungsdrang unterdrückt werden.
  • Kognitive Flexibilität: Wenn es neue Variationen gibt, muss das Gehirn schnell zwischen den verschiedenen Regeln umschalten.

Hinweise und Spielimpulse

  • Achten Sie auf die Lautstärke. Manchen Kindern ist es zu laut oder der Übergang ist zu viel. Dann kann man das Spiel auch mit „laut“ und „leise“ spielen.
  • Zusätzlich zum akustischen kann ein visueller Reiz verwendet werden, zum Beispiel ein blaues Tuch, an dem sich die Kinder orientieren können.
  • Mögen es manche Kinder nicht, wenn die Gruppe so wild tanzt, kann man für jedes Kind eine Matte oder einen Reifen verwenden.

Spielvarianten

Beim Stopp nicht nur einfrieren, sondern eine bestimmte Pose einnehmen, zum Beispiel die Hände hochheben. Dies erhöht die Anforderung an die motorische Planung.

Jetzt wechseln: Bei Musik aus tanzen und bei Musik an stehen. Das Gehirn muss die gewohnte Reaktion komplett überschreiben – ein tolles Training für die kognitive Kontrolle.

Quellen: Laura M. Walk und Wiebke F. Evers: Förderung exekutiver Funktionen; YouTube: GalaoxeeAspergerTv, „Autismus und die Schwierigkeiten mit exekutiven Funktionen“.

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